Der Bund warnt vor gefährlichen Stromlücken

    Schon bald könnte es in der Schweiz zu wenig Strom geben, warnen die massgeblichen Bundesstellen. Die bürgerlichen Parteien rufen den Bundesrat zu sofortigem Handeln auf.

    (Bild: pixabay) Bürgerliche Parteien machen Druck: Der Bundesrat soll handeln, um mögliche Blackouts zu vermeiden.

    Steuern wir direkt auf eine Energiekrise zu? Sitzen wir bald im Dunkeln und müssen frieren? Sicher ist: Die warnenden Stimmen mehren sich. Und es sind keinesfalls nur Schwarzseher, die auf mögliche Blackouts, Strommangellagen und andere Szenarien hinweisen. Denn sogar der Bund selbst schlägt Alarm.

    So bezeichnet die nationale Risikoanalyse des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS) aus dem Jahr 2020 eine langandauernde Strommangellage als eines der grössten Risiken für die Schweiz – noch grösser als die sich häufenden Cyber-Attacken. Der zeitweise Ausfall der Energie- und Stromversorgung berge hohes Schadenpotenzial bei gleichzeitig hoher Eintrittswahrscheinlichkeit. Das heisst: Mit gefährlichen Aus-fällen ist zu rechnen. Konkret: Bei einer lang andauernden, schweren Strommangellage (damit ist eine Stromunterversorgung von 30 Prozent während mehrerer Monate gemeint, die in der Schweiz insbesondere im Winter auftreten kann) drohen gemäss BABS grosse Personenschäden und darüber hinaus immense ökonomische Verluste. Im schlimmsten Fall rechnet das BABS mit einem Schaden von weit über 100 Milliarden Franken.

    Versorgung bis zu 500 Stunden unterbrochen
    Eine weitere Bundesstelle, die vor Lücken in der Stromversorgung der Schweiz warnt, ist die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom), die unabhängige staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich. Zu ihren Kernaufgaben gehört die Überwachung der Versorgungssicherheit. Dazu hat die ElCom kürzlich eine Studie vorgelegt («Stromversorungssicherheit Schweiz 2025»).

    Dabei geht die ElCom von verschiedenen Szenarien aus, was die Kooperation der Schweiz im internationalen Stromhandel mit der EU betrifft. Es sei mit zunehmenden Restriktionen aus Brüssel zu rechnen – mit mehr oder weniger starken Auswirkungen auf den Stromimport und -export. Im schlimmsten Fall könnte es zu massiven Ausfällen kommen, warnt die ElcCom. Sie schreibt: «In diesem Szenario steht in der definierten Stresssituation (KKW Beznau I+II und ein Drittel der französischen KKW nicht verfügbar) in der Schweiz zu wenig Energie zur Verfügung. Durch die tiefen Importkapazitäten und die Energieknappheit im Winter sinken die Füllstände in den Speicherkraftwerken rasch ab. Kritisch wird die Situation Ende März. Während 47 Stunden könnte dann der inländische Strombedarf nicht mehr gedeckt werden (Loss of Load Expectation LOLE), es fehlen 66 Gigawattstunden pro Jahr an Energie (Energy Not Served ENS). Unter ganz extremen Annahmen (zusätzliche Produktionsausfälle) könnte die Versorgung sogar bis zu 500 Stunden unterbrochen sein und mehr als 690 Gigawattstunden pro Jahr fehlen.»

    Ohne Heizung und Warmwasser
    Ein Blick ins benachbarte Ausland zeigt, dass sich die Versorgungssituation im internationalen Kontext noch verschärft. Der Trend zur Elektrifizierung und Dekarbonisierung bei gleichzeitigem Ausstieg aus der klimafreundlichen Kernenergie wird in Deutschland zu Engpässen führen. Bereits heute kommt es zu schmerzhaften Ausfällen, die einen Vorgeschmack auf künftige Horrorszenarien geben. So meldeten die Medien im Januar: «370’000 Menschen in Berlin ohne Heizung und Warmwasser.» Kaum besser sieht es in Frankreich aus. Die NZZ titelte: «Franzosen müssen auf milden Winter hoffen. Weil zahlreiche Atomreaktoren stillstehen, werden zur Stromversorgung die letzten beiden Kohlekraftwerke mobilisiert.» Hinzu kommt, dass die EU die Stromexporte in Drittstaaten wie die Schweiz beschränken will.

    Politik muss sofort handeln
    Angesichts dieser dramatischen Lage muss der Bundesrat sofort handeln. Die bürgerlichen Parteien machen entsprechenden Druck. Sie lanciert die FDP eine Strominitiative, die eine autarke Versorgung in der Schweiz ohne Abhängigkeit vom Ausland sicherstellen soll. Und die SVP fordert, dass der Bundesrat einen «Strom-General» einsetzt, der bis im Sommer Lösungsvarianten für eine sichere, unabhängige und kostengünstige Stromversorgung ausarbeitet.

    Das Thema wird uns weiter beschäftigen, mit der «Umwelt Zeitung» bleiben Sie am Ball.

    Dr. Philipp Gut